Geschichte des Schleiers

     
 

Nach Irmhild Richter-Dridi war nach überlieferten Dokumenten den Frauen der vorislamischen Zeit der Schleier unbekannt. Sie schreibt, dass Mohammed selbst einem Bräutigam den Rat gab, sich die Braut vor der Hochzeit anzusehen.

Nach Mohammeds Tod wurde der Islam in andere Länder getragen, die Araber kamen mit fremden Kulturen in Berührung und nahmen einige ihrer Sitten an.

Skulpturen aus Palmyra zeigen uns, dass der Brauch des Verschleierns schon lange vor der Islamisierung bekannt war. So verschleierten sich z.B. die vornehmen persischen Frauen, um sich vom gemeinen Volk abzuheben. Dies imitierten auch bald die arabischen Frauen; sie wollten sich von den Sklavinnen unterscheiden.

Nach dem Ende der Sklavenzeit wurde der Schleier beibehalten und bald war aus einer freiwilligen Geste ein Zwang geworden.

Auch schon  im Römischen Imperium und im antiken Griechenland trugen die Frauen über ihrem Haar einen Schleier - aber hier wurde er nicht zum religiösen Zwang.

Die vornehme Römerin z.B. trug über ihrem Obergewand eine Art Mantel, die Palla. In sie hüllte sie sich ganz ein; der obere Stoffteil wurde um den Nacken und den rechten Oberarm geführt. Das über den Rücken fallende Stoffteil zog sie auf der Straße über den Kopf.

Der Römer C. Sulpicius Gallus ließ sich nach F. Ramm  sogar von seiner Frau scheiden, da sie in der Öffentlichkeit ihr Haar nicht bedeckt hatte. Erst später unter Augustus soll sich die Sitte des Haare-Bedeckens gelockert haben.

Im 14./15. Jahrhundert trugen die Frauen der Vornehmen Europas ihr Haar stets unter einer Haube oder bedeckten es mit einem Schleier. Oft wurde auch beides kombiniert. Ein langer Schleier wurde an einer - manchmal recht ausladenden - Haube befestigt.

Schauen wir uns das Christentum an, dann stellen wir ebenfalls fest, dass sich die Frauen das Haar mit einem Tuch bedeckten, vor allem, wenn sie die Kirche besuchten. In den südlichen Ländern Europas hielt sich dieser Brauch bis vor einigen Jahren - und ist teilweise auch heute noch, vor allem bei älteren Frauen, üblich.  

Dridi schreibt, dass in Nordafrika - auch in Tunesien - der Schleier erst im 15. Jahrhundert eingeführt wurde. In diesem Zeitraum emigrierten nämlich zigtausende  Mauren aus Andalusien und diese führten ihn ``als Zeichen von guten Sitten´´ ein. Zu diesem Zeitpunkt war er also noch nicht religiös bedingt.

Im Koran, der nach Mohammeds Tod durch Überlieferung weiterverbreitet  und erst ca. 100 Jahre nach seinem Tod aufgeschrieben wurde, steht:

"Prophet, sprich zu deinen Gattinnen und deinen Töchtern und den Weibern der Gläubigen, dass sie sich in ihren Überwurf (djilbab)  verhüllen. So werden sie eher erkannt (als anständige Frauen) und werden nicht verletzt (Sure 33/59 nach Henning)." Dridi schreibt, dass sich an dem Wort djilbab die Geister scheiden. Es kann übersetzt werden als: Hemd, Mantel oder Schal. Von einem Verdecken des Gesichtes war hier nicht die Rede.

Mohammed wollte wohl lediglich eine etwas dezentere Kleidung - um seine Frauen vor lüsternen Blicken zu schützen. Thierry Bianquis schreibt in "Die Familie im arabischen Islam":

"Man sagt, Muhammad, dessen Frauen in Zimmern untergebracht waren, die auf den Hof eines öffentlichen Gebäudes gingen - der zukünftigen Moschee von Medina -, in dem er seine Besucher, Muslime und Nichtmuslime, empfing, habe ihnen geraten, ihrer eigenen Ruhe wegen den Schleier zu tragen." Er bezog sich dabei nicht auf alle Frauen. Die islamische Geistlichkeit beruft sich jedoch immer wieder auf diese Passage im Koran.

Haar, und vor allem langes Haar, ist Sinnbild für Erotik. Frauen haben es, wenn auch oft unbewusst, als Mittel zum Zweck eingesetzt. Bei der Erforschung der zwischenmenschlichen Gestik ist der sogenannte hairflip  entdeckt worden. Das Haar wird mit einem Schwung nach hinten geworfen und er wird immer dann eingesetzt, wenn die Frau an einem Mann Interesse bekundet. All dies ist wohl mit ein Grund dafür, dass islamische Geistliche, die Angst um die Tugendhaftigkeit der Frauen haben, auf der Verschleierung bestehen - zu Recht oder zu Unrecht wird heftig diskutiert.

In der Türkei schaffte Atatürk den Schleier für die Frauen ab, aber er stieß auf großen Widerstand der weiblichen Bevölkerung. Für viele Frauen war dies gleichbedeutend mit nackt sein und so widersetzten sich nicht wenige der Anordnung. In den Dörfern gehört ein Hütchen und darüber gebunden ein oder mehrere Tücher immer noch zur folkloristischen Bekleidung. Und selbst in Istanbul sehen wir heute immer mehr Frauen, die sogar eine Art Tschador tragen.

Aber der Schleier hatte und hat in allen Ländern der südlichen Hemisphäre auch schützenden Charakter:

1.   er schützt das Haar vor Austrocknung durch die sengende Sonne;

2.   er schützt die Haut vor der Sonne, die die Faltenbildung beschleunigt;

3.   er schützt vor zudringlichen Blicken der Männer - und hält auch zudringliche Männer auf Abstand, da er symbolisiert: hier seht ihr eine anständige Frau.

Den Männern aus südlichen Gefilden wird nachgesagt, heißblütig zu sein und sich gerne von weiblichen Reizen verführen zu lassen - oder könnte man auch sagen, sie können sich nicht beherrschen, wenn sie weibliche Reize zu Gesicht bekommen? Mir sagte einmal ein orientalischer Mann: "Ich kann eure Männer nicht verstehen, sie sehen so viele schöne Reize, aber sie lässt es kalt." Reize, die jedoch jederzeit gesehen werden können, verlieren ihren Reiz, sie werden alltäglich. Da orientalische Frauen immer verschleiert waren, ist es für solche Männer natürlich schon schwierig, den Reizen unverschleierter Frauen nicht zu erliegen. Ich bin sogar davon überzeugt, dass etliche Frauen den Schleier gerne aus dem Grunde tragen, damit sie ihre Ruhe haben und auf der Straße nicht dauernd behelligt werden.

Aber erinnern wir uns doch, dass auch in Europa schon der Anblick eines Fußknöchels, der unter einem etwas hoch gehobenen Rock hervorschaute, genügte, um die Männerwelt zu erregen - und das noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts!! Eben weil die Damenwelt immer bedeckt gekleidet war. Dies änderte sich auch erst langsam und allmählich; erst seit den  späten 60ern wird die Bekleidung immer spärlicher.

 

Der Tanz mit dem Schleier geht in der Legende zurück auf den Tanz der Salome, Tochter der Herodias. Dieser Name ist in der Bibel jedoch ebenso wenig belegt, wie die Tatsache, des Schleiertanzes.

Fakt ist, dass Johannes der Täufer auf die Bitte der Herodias hin enthauptet wurde. Sie erbat sich, so wird berichtet, diese Tat als "Honorar" für den Tanz ihrer Tochter, der den König Herodes Antipas fasziniert hatte. Nachzulesen bei Matthäus und Markus im Neuen Testament.

Die Legenden rankten sich begierig um diese Geschichte. Salome wurde zum Kult, zum Inbegriff der "tanzenden Verführerin" (Halima). Die Kirche stempelte sie zur verworfenen Sünderin. Nach Guido Tropf-Baldinger zeigen Dokumente Salome "als Gauklerin. Sie tanzt mit Schwertern, Musikinstrumenten, Bällen und Blumen." Er ist auch der Meinung, dass sich Salomes Geschichte auf Ishtar, die babylonische Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit, zurückführen lässt:

Der Liebhaber Ishtars stirbt und wird in die Unterwelt gebracht. "Ishtar in ihrer Trauer schmückt sich in ihrer ganzen Pracht, um so ihren Geliebten zurückzuholen. An jedem der sieben Tore muss sie als Preis für den Einlass ein Schmuckstück und einen Schleier ablegen. So entstand der Tanz der Ishtar mit den sieben Schleiern, später benannt als "Willkommenstanz" oder "Shalome Tanz" (vom hebräischen Shalom-Gruß)." Herr Baldinger gibt auch noch eine zweite Theorie an: "Eine andere Erklärung für den Tanz der Salome mit sieben Schleiern besagt, daß Salome Priesterin der Ishtar war und so zu ihren Ehren in Erinnerung an das Beschriebene den Tanz der Schleier aufführte."

Welche Erklärung auch immer die richtige ist, dieses Thema beschäftigte im 19. Jahrhundert viele Menschen und die Phantasie tat ihr übriges dazu. Und schließlich inspirierte die Geschichte der Salome Oscar Wilde und Gustave Flaubert zu ihren berühmten Werken.

Text mit freundlicher Genehmigung von Nabila Shams El Din (copyright).
 Literaturnachweis:
 
Frauenbefreiung in einem islamischen Land – ein Widerspruch ?    Von Irmhild Richter-Dridi, Fischer Taschenbuch-Verlag, Juni 1981, ISBN 3-596-23717-3
 
Geschichte der Familie    Band 2: Mittelalter, ISBN 3-593-35559-0 Kapitel 9

Die Familie im arabischen Islam    geschrieben von Thierry Bianguis, übersetzt von Gabriele Krüger-Wirrer

Wer war noch mal Salome?    Artikel von Guido Tropf-Baldinger, Halima 4. Quartal 2000